Dr. Hartmut Haupt, Jena,
gab rasantes Benefizkonzert Orgelmusik aus Klassik,
Barock, Romantik und Moderne in „St.Kilian“
Mellrichstadt.
„Das ging unter die Haut“, - ein interessantesGeständnis
von Marianne Fritz-Manger, die in Vertretung des geistlichen
Hausherrn das Publikum begrüßte und dem Organisten am
Ende dankte. Selten genug, dass einem in einem Kirchenraum
etwas unter die Haut geht. Bei der Vorsitzenden der
Kirchengemeinde jedenfalls hatte das Orgelkonzert von
Dr. Hartmut Haupt die berühmte subkutane Wirkung.Auf
Betreiben von Hausorganist Herbert Schmitt kamen an
die 200 Freunde geistlicher Musik in den Genuss eines
österlichen Konzerts, in dem der Gast aus Jena (fast)
alle Register zog. Und obwohl der Eintritt „frei“ war,
weil der Organist auf Gage und Spesenersatz zu Gunsten
der Orgelfinanzierung verzichete, lag am Ende doch ein
schönes Sümmchen im Körbchen.
Mit
Dr. Hartmut Haupt hatte Herbert Schmitt sozusagen einen
kapitalen Fisch am Haken, dessen Renommee sich nicht
nur aus unzähligen Konzerten in allen Gegenden Deutschlands
– besonders auf dem flachen Land -, Osteuropas und den
Staaten gebildet hat, sondern auch aus seiner überaus
kompetenten und vielfach nachgefragten Tätigkeit als
Orgel-Sachverständiger und aus seinem Ruf als unermüdlicher
Mahner und Antreiber, historische Orgeln wieder herzustellen.
Intimer Bachkenner
Schon
die Programmzusammenstellung zeigte den beschlagenen
Praktiker: Eingebettet zwischen dem Orgel-Stammvater
Johann Sebastian Bach und dessen genialsten „Enkel“
Max Reger, der Wiener Klassiker Joseph Haydn, die Zeitgenossen
Hans-Georg Burghardt und Jean Francaix, der Romantiker
Joseph Rheinberger.
Mit
dem Erz- und Übervater aller, auch der zeitgenössischen
Organisten, ein Orgelkonzert zu beginnen, ist stets
ein passender und risikoloser Einstieg. Und auch dessen
„Präludium und Fuge C-Dur“ (BWV 547) ist wegen des pathetisch-feierlichen
Gehaltes ebenso gut geeignet, ein Kirchenkonzert geistig
und geistlich angemessen zu eröffnen. Quasi gegen den
heutzutage üblichen Strich, ging Haupt die Sache nicht
zu flott und nicht zu zügig an, aber auch keinesfalls
betulich oder gar behäbig. Haupt als intimer Bachkenner
weiß andererseits, dass es Bach bisweilen nach Rasanz
und Tempo gelüstete. Beides, den andachtsvoll
„betenden“
Thomaskantor (Fuge) und den konzertanten (Präludium)
stellte der Organist aus Jena heraus.
Transparenz und Brillanz
Dabei
gelang ihm ein Drittes: die typischen Bachstrukturen
und das dichte Beziehungsgeflecht herauszuarbeiten,
die Tiefe einer Bach’schen Komposition auszuloten und
gleichzeitig in den unermesslich erscheinenden Klangkosmos
Bachs hineinzuleuchten. Und noch ein Viertes am Rande:
Es zeigte sich erneut, dass dem Orgelbauer Herbert
Hey die technische und klangliche Reorganisation der
alten Orgel hervorragend gelungen war: Kraft und Fülle,
Transparenz und Brillanz zeichnen heute den Klangcharakter
der Orgel von „St.Kilian“ aus.
Dass
alle Späteren gewissermaßen geistige Erben des großen
und genialen Barockkomponisten sind, zeigte eigentlich
das gesamte weitere Programm, das Haupt auflegte. Selbst
die putzigen Klangportraits von Jean Francaix erscheinen
von Bach inspiriert.
Wird
etwa nach Bach mit Hans - Georg Burghardts „Fantasie
in c“ ein Gegensatz vorgeführt? Mit Blick auf die Lebensdaten
der Beiden, müsste man das meinen. Aber trotz farbigster
und expressiver Registerwirkung und extremer Tonstärke
– die tiefe Spiritualität weist linear zurück auf Johann
Sebastian Bach.
Volle Dröhnung
Obwohl
sich Haupt nicht scheute, hier an die Klanggrenzen des
Instruments zu gehen – das weit gestreckte Kirchenschiff
lag in voller Dröhnung – blieb dennoch alles kontrolliert
und innerhalb der Grenzen des Wohlklangs. Ähnliche Wirkung
bei Joseph Rheinberger. Die Fantasie über „tonus peregrinus“
braucht ebenfalls eine klangmächtige Orgel und einen
Organisten, der sich traut, an die Grenze zu gehen.
Die dem Psalmsystem artfremde Tonart – wechselnde Finalis
und wechselnder Tenor (Tuba) -, bekannt geworden durch
den Pilgerpsalm „ In exitu Israel“ (Ps. 114), erwies
sich, da von einem Könner exemplarisch vorgetragen,
als eine höchst interessante Variante der bekannten
und gewohnten Tonarten. Aber, wie gesagt, das „Fremde“
(peregrinus) darf hier nicht allzu sehr akzentuiert
und sollte deshalb auch nur von einem versierten Fachmann
wie Haupt gepielt werden.
Ein
völlig neues Blatt schlug Hartmut Haupt mit Jean Francaix
auf und damit auch völlig neue Töne an. Die fünf Titel
aus der „Suite Carmelite“: köstliche Charakterisierungen
von höchst unterschiedlichen Frauentypen, die den Schleier
genommen haben.
Feinzeichnungen
Handgreiflich
geradezu die typischen, wenn auch klischeehaften Züge
der Äbtissin: Alles in forte fortissimo und tutti; nicht
der geringste Zweifel darüber, wer im Karmelitenkloster
das Sagen hat und wer da keinerlei Widerspruch duldet,
wird hier in Tönen und den musiküblichen Ausdrucksmöglichkeiten
plastisch dargestellt. Auch hier erweist sich Haupt
als ein Meister der differenzierenden Feinzeichnung
und des breit-pastosen Strichs.
Geradezu
putzig Joseph Haydns „Flötenuhr“-Stücke. Eine hommage
quasi an eine zu Haydns Zeiten als sopra mobile in vielen
vornehmen Bürgerhäusern erklingende Spieluhr. Haydns
onomatopoetische Spielerei war bei Haupt in besten Händen.
Und
am Ende Max Reger: das Choralvorspiel „Gott des Himmels
und der Erden“ und der berühmte „Dank-Psalm“.(op.145/2)
Zwischen zerbrechlicher Schönheit und ausladender Wucht
bewegte sich die Wirkung. Beeindruckend und möglicherweise
„unter die Haut gehend“, das typisch spätromantische
Wuchernde und expressiv Grelle , die erhaben-pathetische
Kraft des Barock-Ururenkels, gleichzeitig auch das heiter-hell
Verinnerlichte. Bei aller Massigkeit alles in kontrollierter
Leichtigkeit (des Seins). Enthüllung des Kosmos Regerscher
Orgelmusik fand statt.
„Meine
Orgelwerke sind schwer, es gehört ein über die Technik
souverän herrschender geistvoller Spieler dazu“, schrieb
Reger an seinen Freund und Organisten Gustav Beckmann.
In Hartmut
Haupt hätte Reger einen solchen Organisten gehabt.
Rudi Glaesner, 20. April
2006

Hartmut
Haupt, hauptamtlicher Organist im Volkshaus zu Jena,
begeisterte mit einem fantastischen Benefiz-Konzert
ein beeindrucktes Publikum in „St. Kilian“ zu Mellrichstadt.