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Im Mai 2003 haben wir auf Wunsch des Gemeindekirchenrates den
prächtigen Kirchenraum sowie die Orgel der St. Johanniskirche
begutachtet und ein erstes Angebot erstellt. Auf den ersten Blick
zeigte sich dem Betrachter das wunderschöne Barockgehäuse der
Orgel, welches in edler Dominanz die Achse Altar und Kanzel bekrönt.
Jedoch manchmal pflegt man zu sagen, dass der „Schein trügt“,
denn im Inneren des Gehäuses erwartete uns ein ganz anderes Bild,
als die Orgel von außen darstellte.
Wir fanden ein
3-manualiges Orgelwerk vor, welches sich klanglich und technisch
in einem bedauerlichen Zustand befand. Im Inneren der Orgel sah
man ein völlig ungeordnetes Sammelsurium von pneumatischen und
elektrischen Windladen, sowie diverse Zusatz- und Transmissionssteuerungen
verschiedenster Systeme und Zeitepochen. Die bereits mehrfach
umgebaute Orgel befand sich in einem irreparablen Zustand.
Schauen wir zunächst in die Geschichte
der Orgel:
Ursprünglich wurde
die Orgel nach Beendigung des Kirchenumbaus 1726 vom
„hochfürstlich hildburghausischen privilegierten Orgelmacher“
Nicolaus Seeber (*1680
in
Haina;
†1739)
aus Römhild erbaut. Am 30. Juli 1724 reichte Seeber beim Konsistorium
seine „Disposition einer neuen Orgel nacher Schleussingen“
mit Zeichnung ein. Im Frühjahr 1725 wurde der Vertrag mit Nicolaus
Seeber geschlossen, aus dem hervorgeht, dass er die alte Orgel
aus der Johanniskirche in Rechnung nahm und entfernte.
Wenn man das heutige
barocke Orgelgehäuse näher betrachtet und untersucht gibt es Indizien
(Gurtrahmen, Lisenen, Ornamentik) dafür, dass Seeber damals Teile
aus der Vorgängerorgel verwendet hat. Dies geht auch aus einem
Schreiben vom 22.10.1726 hervor, in dem von der erfolgten „Aufsetzung“
der Orgel berichtet wird.
Nicolaus Seeber
war
Orgelbauer,
Komponist
und Lehrer. Er erlernte sein Handwerk bei
Johann
Schröder in
Themar
und baute insgesamt 56 Orgeln, darunter auch die bekannte Schwalbennestorgel
(1721) in Bedheim.
Die durch einen
Blitzschlag verursachten Schäden machten 1895 einen Orgelneubau
notwendig. Orgelbaumeister Theodor Kühn aus Schmiedefeld
baute ein neues Orgelwerk hinter das Barockgehäuse ein. Die Orgel
hatte damals 36 Register, 2 Manualwerke und Pedal, pneumatische
Trakturen und Membranenladen. Der Tonabfall der Windladen war
chromatisch und es gab keine klingenden Prospektpfeifen.
Das Orgelwerk
wurde dann nach Bauplänen von Orgelbauer Rudolf Kühn aus
Merseburg, sowie seinem in Schleusingen ansässigen Vater Ernst
Kühn und dem damaligen Kantor Fritz Thörmer erweitert,
umgebaut und erneuert. Die feierliche Weihe, der mittlerweile
auf 49 Register angewachsenen Orgel, fand am 27. April 1941
statt. Diese Arbeiten stellten einen tiefen Eingriff in das ursprüngliche
Konzept der Kühn-Orgel aus dem Jahr 1895 dar. Der Pfeifenbestand
wurde dem Zeitgeist und Geschmack stark angepasst. Die Register
wurden umgestellt und aus Industrie- und Mangelproduktion ergänzt.
Aus denkmalpflegerischer
Sicht wäre eine heutige Rückführung der Orgel auf den Kühn’schen
Zustand von 1895 nicht mehr zu rechtfertigen gewesen.
Die neue Konzeption im alten Gewand:
Am 27.02.2006
haben wir im Rahmen der Orgelausschusssitzung unser neu abgestimmtes
Angebot und Konzeption zum Orgelbau in Schleusingen dem Fachgremium
vorgestellt. Der Gemeindekirchenrat erteilte uns am 09.05.2006
den Auftrag zum Bau der Orgel für die ehrwürdige Johanniskirche.
Im Mai 2006 wurde
die alte Orgel mit zahlreichen Helfern demontiert und per LKW
in unsere Werkstätte nach Urspringen gebracht. Das prachtvolle
Orgelgehäuse wurde zunächst akkurat vermessen und dokumentiert.
Zielsetzung unserer
Konzeption war ein 3-manualiges Orgelwerk mit werksgerechten Aufbau
des Innenlebens und sog. hängender Tontraktur. Die Windladen des
Haupt- und Oberwerks wurden hierbei, entsprechend dem historischen
Orgelgehäuse, wieder auf Ton- und Terzteilung angelegt. Das Schwell-
und Pedalwerk wurde im klassischen Sinn hinterständig platziert.
Die historisch wertvollen Register von Nicolaus Seeber und Theodor
Kühn wurden, so weit wie möglich, in das Klangkonzept mit einbezogen
und der Standort der Orgel wurde wieder nach vorne gezogen.
Viele Überlegungen
und Beratungsgespräche in technischer und akustischer Hinsicht
waren im Vorfeld der Planungsphase notwendig, um ein künstlerisch
hochwertiges Orgelwerk zu schaffen.
Groß ist unsere
Freude, diesen besonderen Augenblick der Vollendung der Arbeiten
mit der Einweihung feiern zu können. Ein besonderer Augenblick
für die Kirchengemeinde Schleusingen, ein besonderer Augenblick
für diese Kirche, in der die Stimme der Orgel wieder neu erklingt.
Orgel und
Kirchenraum gehören zusammen. Dies gilt nicht nur für den architektonischen,
sondern auch für den klanglichen Bereich einer Orgel. Jedes Orgelwerk
wird im Hinblick auf Größe, Disposition (Klangzusammenstellung),
Mensuren (Maßbestimmung der Pfeifen), Fertigung und Intonation
entsprechend den Gegebenheiten des Kirchenraumes individuell gestaltet.
Die ausgewählte
Disposition wird den gestellten Anforderungen voll und ganz gerecht
werden. In ihrer Ausgewogenheit von Principalen, Flöten, Streichern,
Aliquoten, Mixturen und Zungenregistern bietet sie reichlich Möglichkeiten
zur Darstellung der klassischen sowie auch der modernen Orgelliteratur.
Die Orgel wurde
nach klassischen Prinzipien konzipiert, ohne jedoch die Errungenschaften
des zeitgenössischen Orgelschaffens gänzlich außer Acht zu lassen.
Die Grundidee der Konzeption schöpft aus der reichen Orgelbaugeschichte
unseres Handwerkes. Es kamen nur natürliche Werkstoffe, langjährig
abgelagerte Hölzer von bester Qualität und solide Konstruktionen
zur Verwendung.
Besondere Aufmerksamkeit
erfuhr die Instandsetzung des über 280 Jahre alten Orgelgehäuses.
Beim letzten Umbau der Orgel wurde das Orgelgehäuse stark in Mitleidenschaft
gezogen. Die tragenden Fichtenhölzer des schweren Gurtrahmens
wurden herausgesägt und Holzteile der Lisenen verändert. Dadurch
wurde die Eigenstatik des Gehäuses zerstört. Auf die gesamte Orgelbreite
hatte sich das Gehäuse bereits um 6 cm durchgebogen. Wir haben
alle Veränderungen wieder sorgsam rückgeführt, wodurch das Orgelgehäuse
seine ursprüngliche Stabilität wieder erhalten hat.
Die 3-manualige
Spielanlage wurde direkt vorne in den historischen „Orgelfuß“
eingebaut. Von hier aus bedient der Spieler alle Funktionen des
Werkes. Die Spiel- und Registertraktur wurde rein mechanisch angelegt.
Den nötigen Wind
liefert ein, hinter der Orgel aufgestellter, Ventilator (alt),
der die acht Bälge über ein Holzkanalsystem ausreichend mit „orgelgerechtem“
Wind versorgt.
Alle neuen Metallpfeifen
wurden ausschließlich aus gegossenen und gehobelten Zinnplatten
in hochwertiger Handarbeit hergestellt. Unterschiedliche Legierungen
und Bauformen sorgen für eine feine differenzierte Klangcharakteristik
des Orgelwerkes. Für die Holzpfeifen galt ebenfalls höchster Anspruch
an Klangqualität und Material. Es kamen nur heimische und gut
abgelagerte Edel- und Obsthölzer zur Verwendung. Die alten Orgelpfeifen
von Seeber und Kühn wurden fachgerecht restauriert und ergänzt.
Die künstlerische
Intonation der Orgel wurde im Kirchenraum selbst vorgenommen.
Hierbei wurde großer Wert darauf gelegt, nicht etwa die maximale
Klangkraft aus jeder Pfeife zu erzielen, sondern die raumbezogene
Musikalität des Instrumentes in den Vordergrund zu stellen und
das Klangkonzept des
süddeutschen Spätbarockes
gut zu verwirklichen. Eine große Aufgabe war es hierbei, den relativ
hohen Anteil an alten Pfeifenbestand (ca. 60 %) mit den neuen
Pfeifen klanglich verschmelzen zu lassen. Bemühung und Aufwand,
ohne Zeitvorgaben, haben sich jedoch gelohnt!
Dank und Freude:
Wir möchten an
dieser Stelle allen danken, die für das Gelingen des Orgelwerkes
beigetragen haben. Mein Dank zunächst gilt der Kirchengemeinde
Schleusingen, Frau Pfarrerin Söllig und dem Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates,
Herrn Hotop. Dank auch an den Schleusinger Orgelförderverein,
Frau Crusius und dem Schleusingener Stadtkantor, Herrn Neumeister.
Alle waren während der gesamten Planungs- und Bauphase präsent
und haben das große Projekt beispielhaft vorangebracht.
Für die fachliche
Begleitung danken wir Herrn OSV Schulz, Herrn KMD Sterzig, Herrn
Dr. Haupt und Herrn Prof. Dreißig.
In diesen Dank
einschließen möchte ich selbstverständlich auch meine Mitarbeiter,
die beim Bau dieser Orgel wieder meisterhaften Einsatz gezeigt
haben.
Dank dem Gemeindekirchenrat
Schleusingen für die Beauftragung und das Vertrauen in unsere
Handwerkskunst sowie die gute Zusammenarbeit. So dürfen wir das
Instrument übergeben mit dem Wunsch der Erbauer
Soli Deo Gloria
Gott allein zur Ehre!
Herbert Hey
Orgelbaumeister & Restaurator
-BDO-
Zahlen
und Fakten zur Orgel:
Erbauer:
Orgelwerkstatt Herbert Hey, 97645 Ostheim-Urspringen
Bauzeit:
ca. 3 Jahre
Registeranzahl:
39 Register, 35 Labialregister und 4 Zungenregister. System:
Schleifladen
Spieltraktur:
mechanisch
Registertraktur:
mechanisch
Koppeln:
11 Stück (4 mechanisch, 7 elektrisch)
Tremulanten:
2, für Schwellwerk und Oberwerk
Glockenakkorde :
C - Dur und G - Dur (vorgesehen)
Höhe der Orgel:
ca. 7,00 m
Breite der Orgel:
ca. 4,50 m
Tiefe der Orgel:
ca. 4,80 m (è HW/OW - Stimmgang - SW - PW)
Gewicht:
ca. 9.600 kg
Mechanischen Verbindungen:
ca. 1000 Meter
Anzahl der Orgelpfeifen:
2.505 Stück (aus Holz und Metall)
Anteil alte Pfeifen:
ca. 60 %
Längste Pfeife
ca. 4,90 m, Violonbass 16’ = 32 Hz
Kleinste Pfeife
ca. 7 mm (ohne Pfeifenfuß), Mixtur = 11 500 Hz
Klaviaturen:
3 Manual- und 1 Pedalklaviatur
Windladen:
7 Stück
Anzahl der Blasebälge:
8 Stück (1 großer Doppelfaltenbalg + 7 Nebenbälge)
Winddruck (WS):
zwischen 75 und 90 Millibar (WS)
Höchste Tonfrequenz:
11 500 Hertz
Tiefste Tonfrequenz:
32 Hertz
Stimmung Ton a:
440 Hz bei 16° C, gleichstufig.
Materialien
in der neuen Orgel:
Eiche, Tanne,
Kiefer, Esche, Zeder, Birnbaum, Weißbuche, Rotbuche, Ahorn, Birke,
Nussbaum, Kirschbaum, Ebenholz, Grenadill, Knochen, verschiedene
Lederarten, Filz, Leinen, Papier, Porzellan, Messing, Zinn, Blei,
Eisen, Stahl, Farbe, Öle, Gold, Steine (als Balggewichte), Schrauben
und verschiedene Leime und Lacke.
Elektrische
Teile & Zubehör:
1 Orgelmotor (400 V) , 1 Gleichrichter, 56 Tonventilmagnete (24
V), Kontakte und diverse Beleuchtungseinrichtungen.
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